Ueberlebens-geschichten von den Loewen-Bergen

“ueberleben” hat eine ganz andere Bedeutung in einem Land, wo Leute taeglich und urploetzlich sterben, die Lebenserwartung halb so hoch ist wie in Europa und unbekannte Gefahren lauern in jeder Moskito, hinter jeder Strassenecke und in jedem Tropfen Hahnenwasser. “Ueberleben” hat auch ganz eine andere Bedeutung am Arbeitsplatz, wo es kein funktionierendes System gibt, man taeglich auf Eierschalen laeuft im Versuch die Interessen des Chefs, der Bevoelkerung und meine eigenen zu balancieren, wo es keine Elektrizitaet, ultralangsames Internet und keine Toilettenspuelung gibt, und wenn es regnet, dann ueberflutet dein Buero. Meine Schwester hat mir gesagt, sie hat den Eindruck dass mein Leben hier voller nie-endenden Dramen ist. Das stimmt, aber hat auch dazu gefuehrt, dass ich mittlerweile, nach zwei Jahren eine Ueberlebensexpertin bin. Ich arbeite nun am naechsten Schritt: nicht nur ueberleben, sondern auch aufzubluehen im mitten des Chaos!
Hier ein paar meiner unzaehligen Geschichten zum Ueberleben in Sierra Leone.

PISS PISS

Einer meiner ausgefallensten Freundinnen hier ist Theresa. Sie ist eine Sierra Leonerin in den Vierzigern und fuehrt ihren kleinen Laden direkt an der Hauptstrasse, in meiner Nachbarschaft. Ich gehen oft vorbei und sitze auf der Strasse, trinke ein lauwarmes Bier oder Wasser und diskutier mit ihr Gott, Liebe und die Welt. Eines warmen Samstagnachmittags, wir diskutieren gerade die Eifersucht von Sierra Leoner, als ich den Drang verspuehre, mich zu erleichtern. Ich frage Theresa nach der Toilette, worauf sie mich grinsend hinter den Laden fuehrt und jeden informiert, dass Naomi sich erleichtern muss (das haette mich wirklich warnen sollen). Hinter dem Laden sitzen zehn Frauen bei einer halb-offenen Tuere, die mich ebenfalls grinsend begruessen – eine weisse Frau die hier pissen muss, das ist eine kleine Sensation. Theresa zeigt zur halb-offenen Tuere und sagt mir, ich kann dahinter gehen. Hinter der Tuere ist absolut NICHTS – kein Dach, keine Toilette, kein fliessendes Wasser (geschweige denn Toilettenpapier), kein Loch, keine grafische Darstellung, die mir zeigen wuerde wie und wo ich pissen soll und auch kein Sichtschutz zur Hauptstrasse. Waehrenddem ich mich zu orientieren versuche, und jegliche Gedanken an vorherige Besucher dieser “Toilette” ausblende, Theresa kommt hinein und hockt neben mir. Wenigstens trage ich einen Rock, was es etwas einfacher macht und etwas Sichtschutz bietet und Theresa beginnt mir zu sagen, ich soll “pissen, pissen”, einfach nur “piss! Piss”. In ihrem Gesicht sehe ich sichtbaren Stolz, dass sie mit einer weissen Frau zusammen pisst –  wahrscheinlich das erste mal fuer sie (und auch das letzte mal…). Und ja, fragt erst gar nicht nach Haende waschen oder so! 😉

Die traurige Seite der Geschichte ist, dass die Mehrheit von Sierra Leone in aehnlichen sanitaeren Umstaenden lebt. Kein Wunder sind Krankheiten wie Durchfall, Cholera und Ebola allgegenwaertig.

SCHLAGANFALL PANIK

Eines Morgens schlief mir ploetzlich mein linker Arm ein. Es wurde etwas besser und dann wieder schlechter, aber ich dachte mir nicht viel dabei. Etwas spaeter ass ich zu Mittag mit einer Freundin, als mir auf einmal auch der rechte Arm, dann beide Fuesse und schlussendlich auch mein Gesicht, inklusive Lippen einschliefen. Ich bin ein grosser Fan von Dr Google und Selbstbehandlung (gerade in Sierra Leone aeussersts hilfreich, zumindest normalerweise) und google daher meine Symptome. Das erste Ergebnis, das auftaucht ist SCHLAGANFALL. Ich google weiter um herauszufinden, ob ich ueberhaupt einen Schlaganfall haben kann in meinem Alter – und natuerlich, es
gibt dutzende von Geschichten von Schlaganfaellen bei jungen Erwachsenen. Meine Freundin und ich sind mittlerweile nahe einer Panik und gehen sofort zum Arzt, der gluecklicherweise gerade auf der anderen Strassenseite ist. Beim Arzt beginne ich zu hyperventilieren und werde schliesslich ohnmaechtig. Der Doktor gibt mir eine Spritze
in meinen Hintern um mich wieder zu den Lebenden zu bringen und macht die notwendigen Tests. Nach einer Weile ist klar, ich habe “nur” Malaria – ich glaube, der Doktor hat noch nie jemanden so gluecklich gesehen mit einer Malaria Diagnose! Alles besser als einen Schlaganfall 😉

UM GNADE BITTEN

Ich war am Auto fahren und wollte einen Freund kurz absetzen. Verkehrsregeln existieren in Sierra Leone, aber werden eher auf einer zufaelligen Fall-zu-Fall basis umgesetzt. Ich dachte mir daher nicht viel dabei, als ich in einem Kreisel (es war ein grosser Kreisel, zu meiner Verteidigung) anhielt und meinen Freund rausspringen liess.
Dummerweise hielt ich DIREKT VOR einer Polizeistation. Der Polizist war mehr als gluecklich, mich wegen Verletzung von Verkehrsregeln fest zunehmen und zur Polizeistation zu begleiten um meine Aussage aufzunehmen. Es war so unglaublich heiss in der Polizeistation, dass ich kaum klar denken kann. Meine Aussage wird aufgenommen waehrenddem ich schweisstropfend auf der Holzbank sitze und von allen angestarrt werde. Ich bin immer noch am ueberlegen, wie ich am besten aus dieser Situation (und diesem heissen Raum) herauskomme, als ein Offizier kommt und mich fragt: “So, Madam, sollen wir Sie vors Gericht zitieren oder bitten Sie um Gnade?” Ich verstehe nicht ganz und er wiederholt: “Sollen wir Sie vors Gericht zitieren oder bitten Sie um Gnade?” Ich verstehe die Logik dahinter nicht ganz und finde, das ist nicht wirklich eine Wahl, aber sage schlussendlich, ich bitte um Gnade. Seine Antwort: “Gnade erteilt, ich wuensche Ihnen einen schoenen Tag, geehrte Frau!” Schnelles Urteil, unglaubliche Gnade! 🙂 ich gehe spaeter vorbei mit einem kleinen Ventilator als Dankeschoen und damit zukuenftige Verbrecher nicht so schwitzen muessen wie ich.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s