Sofa-Geschichten von den Lion Mountains

Was oder wie wurdest du erwachsen? Wann und wie hast du die Jugend hinter dir gelassen? Was war das Uebergangsritual? Fuer mich war das Zeichen von “Erwachsensein” immer ein grosses, schweres Sofa. So etwas macht dich traege, es wird schwieriger umzuziehen, es ist eine finanzielle Investition, es braucht noch mehr Moebel um richtig benutzt zu werden. Kurz: es macht das Leben komplizierter. Einige von meinen Freunden investierten schon mit 18 in grosse, teure Sofas – Ich mag mich noch gut an das Panikgefuehl in meinem Magen erinnern, wenn ich daran dachte, mich so niederzulassen. Ich habe daher im letzten Jahrzehnt entweder kein Sofa besitzt, oder das guenstigste Ikea-sofa gekauft (100 Franken, ein echtes Schnaeppchen), oder einfache Bamboo-sofas besitzt (weniger als 200 Franken fuer drei Sofas, auch ein echtes Schnaeppchen). Das Bamboo-sofa, das ich die letzten fuenf Jahre in Sierra Leone benutzt habe, hat Abel hergestellt. Er wurde ueber die Jahre ein guter Freund, und ich habe ihn an einige andere Leute weiterempfohlen. Er hat mir dafuer gedankt, in dem er eines seiner Kinder nach mir benannt hat. Es wurde aber ein Junge, also musst Naomi umgeaendert werden in die maennliche Form – was anscheinend “Nami” ist. Nami bedeutet auf Krio auch “Das bin ich”. Wenn ihn also jemand fragt, wie er heisst, dann antwortet er “Nami / das bin ich”. Etwas verwirrend, aber es scheint ihn nicht zu stoeren!

SOFA EINWEIHUNG

Also, zurueck zu Sofas. Nami’s Vater hat mein erstes wunderschoen farbiges Sofa hergestellt, das ich nun fuenf Jahre lang benutzt habe, und drei Mal gezuegelt habe. Ich habe kuerzlich herausgefunden, dass ich nochmals fuer mindestens vier Jahre in Sierra Leone sein werde, die Gruende dafuer erklaere ich euch sonst mal. In dem Moment habe ich auch realisiert, dass ich soweit bin – ich getraue mich nun in ein grosses Sofa zu investieren, mich niederzulassen (zumindest fuer vier Jahre), offiziell meine Jugend hinter mir zu lassen und das Gewicht eines Sofas auf mich zu nehmen. Eine Aethiopische Freundin hat ein grosses graues Sofa kreiert und zusammen mit Sierra Leonischen Schreinern hergestellt.
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Photo 1: Blen, die Sofadesignerin mit meinem neuen Sofa. 
 
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Photo 2: Die offizielle Sofa-Einweihungs-Sonnenuntergang-Snack-&-Drink Feier.
Ich habe gestern eine kleine Einweihungsfeier organisiert, mit Sonnenuntergang Cocktails, um diesen Anlass gebuehrend zu feiern. Jayne’s Kommentar: “Ah super, die letzte Einweihungs-feier die ich hatte war fuer einen Kirchenaltar – das Essen hier ist besser!”

JUNGE DAME

Obwohl ich den Eindruck habe, dass ich aelter werde (in weniger als einem Monat werde ich 30!), gibt es da auch andere Meinungen – vor allem an meinem Arbeitsort, im Gesundheitsministerium. In den letzten Wochen haben mich verschiedene Leute auf dem Gang mit “Guten Morgen, junge Dame” begruesst. Das passt mir aus verschiedenen Gruenden gar nicht, und ich habe diesen Leuten jeweils gesagt, ich bin nicht mehr so jung, und ueberhaupt sei mein Name Madam Naomi, was ja bekannt sei. Am Freitag habe ich mit anderen Leuten auf ein Meeting mit dem Gesundheitsminister gewartet. Der Vize-Gesundheitsminister kommt dazu und begruesst mich mit “Guten Morgen, junge Dame”. Ich blieb freundlich, aber habe auch ihm erklaert ich sei nicht mehr so jung, und er wisse ja meinen Namen. Er lachte und meinte “du kannst ja noch nicht 40 sein” – was ich zustimmen musste. Anscheinend sind alle unter 40-jaehrigen offiziell noch jung in Sierra Leone. Wenige Minuten spaeter laufen wir in das Buero des Gesundheitsminister, und er begruesst mich mit “Guten Morgen, grosse Dame”. Ich sag ihm, dass ich das besser finde als “junge Dame”, worauf er lacht und sagt “du kannst ja nicht aelter als 37 oder 38 sein, oder?”. Nachdem ich ihm erklaert habe, dass ich noch nicht ganz so alt bin, meinte er: “na, das heisst du bist noch ein Baby – ich habe gedacht du bist mindestens 37, mit der Arbeit, die du leistest”. Was ist so schwierig daran, mich mit Madam Naomi anzusprechen?! Mein Gesicht muss ihm deutlich gemacht haben, dass ich nicht sonderlich erfreut darueber war, “Baby” genannt zu werden. Als ich nach der Sitzung mich verabschiedete, sagte er “Auf Wiedersehen, schlaue Dame”. Besser!

BOOTSTOUR

Meine Abenteuerlust ist ungebremst, ob ich alt oder jung bin. Wir sind kuerzlich auf Besuch in den Distrikten, um unsere Distrikts Personalangestellten zu unterstuetzen und coachen. CHAI (wo ich arbeite) hat der Regierung geholfen, diese Reform einzufuehren, und das Personalwesen im Gesundheitswesen mehr zu dezentralisieren, naeher zu den Kliniken zu bringen, und damit die Transparenz und Rechenschaft zu foerdern, und gleichzeitig bessere Gesundheitsdienstleistungen anzubieten. Ich bluehe auf auf diesen Reisen ins Landesinnere, einerseits weil es sehr motivierend ist, die Veraenderung vor Ort zu sehen, und andererseits weil immer mehrere Abenteuer auf mich warten.
Auf unserem Trip vor ein paar Wochen mussten wir mit dem Boot auf die Bonthe Insel fahren, wo das oeffentliche Spital ist. Bonthe ist einer der entferntesten und am schlechtesten entwickelten Distrikten. Ich habe diese Bootsreise vor ein paar Monaten schon gemacht, aber immer nur mit einem eigens gemieteten Schnellboot, fuer 200 Franken, hin und zurueck, je 45 Minuten. Dieses Mal haben wir uns entschieden, die “Faehre” zu benutzen, die nur LE 15,000 kostet pro Person – weniger als 2 Franken, fuer die 90-120 Minuten Ueberfahrt, mit zwei Haltestellen auf anderen Inseln. Die richtige oeffentliche Faehre wird nicht betrieben und rostet vor sich hin, da die Betriebskosten zu teuer sind. Dafuer benutzt man ein hoelzenes Boot, das einmal pro Tag hin und zurueck faehrt. Die Regeln auf dem Boot sind klar angeschriben, und Bussen definiert. Ich mochte diese Regel am meisten: “Ich will kein Geschwaetz – Busse LE 50,000 (ungefaehr 6 Franken)”.
Wir sind also auf unsere Bootstour mit einer Ziege, einem Motorrad, 30 Passagieren und viel Gepaeck. Zwischendurch haben wir an einer “Raststaette” Halt gemacht – und konnten geraeucherte Shrimps, Nuesse oder Fische kaufen. Neben mir war ein junger Mann, dessen einzige Aufgabe war, das Wasser auszuschoepfen, das konstant stieg im Boot. Jede halbe Stunde war er wieder fuer zehn Minuten mit Wasser schoepfen beschaeftigt – meine Fuesse wurden kein einziges Mal nass, und wir kamen heil an.
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Photo 3: Am warten auf die Faehre in Yargoi. 
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Photo 4: Einsteigen! Das Motorrad ist auf dem Dach. 
 
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Photo 5: Ich will kein Geschwaetz – Busse 50,000. 
 
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Photo 6: Haltestelle, und Verpflegung mit geraeucherten Shrimps. 
 
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Photo 7: Auf der Bonthe Insel. 
 
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Photo 8: Am Schweizer Apfel essen, waehrend dem ich auf die Autofaehre nach Mattru warte!
 
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Photo 9: Das Team in Mattru. 
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Photo 10: Das Team mit dem Vize-Buergermeister in Bonthe.  
Ein weiteres Merkmal von Erwachsen-werden ist Weihnachten ohne Familie zu feiern. Wegen voellig ueberteuerten Fluegen, und anderen geplannten Reisen, werde ich dieses Jahr nicht fuer Weihnachten in die Schweiz kommen. Es wird mein erstes Mal ohne meine Familie sein – und ich spuere zu gleichen Teilen Respekt und Aufregung darueber, in Sierra Leone zu sein ueber Weihnachten und Silvester. Weihnachten hier sind viel weniger kommerzialisiert, was sicher erfrischend sein wird. Ich habe eine Woche frei, also falls mich jemand im garantierten tropisch warmen Wetter besuchen kommen moechte, nur zu – ich wuerde mich freuen!
Danke, an euch alle, dass ihr Teil meines Erwachsen-werden seit und Geduld mit mir habt!

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