Praesidenten-geschichten von den Lion Mountains

Welche Geschichte moechtest du gerne lesen?
a) wie ich eine Woche lang von einem Fotographer und einem Journalisten auf Schritt und Tritt begleitet wurde; oder
b) wie ich vier Stunden lang an einem Tisch mit dem Praesidenten von Sierra Leone sass und mich um meine Frisur sorgte; oder
c) warum ich angefangen habe, Schokolade zu produzieren; oder
d) wie ich einen halben Tag lang im Regenwald festsass nahe der Liberianischen Grenze?
Ich spare d) fuer ein anderes Update, weil es eine nette kleine Geschichte ist. Aber das heisst, du hast immer noch drei zur Auswahl! Sierra Leone ist auch im Wahlfieber, es waren Praesidenten und Parlamentswahlen am 7. Maerz, und eine zweite Runde am 27. Maerz. Der amtierende Praesident – Ernest Bai Koroma – kann nicht mehr antreten, weil er schon zwei Amtszeiten hinter sich hat.
Sierra Leone’s politische Landschaft wird durch zwei grosse Parteien dominiert – eine gruene und eine rote (hat keine Verbindung mit was wir unter diesen Farben kennen), die Eine vom Suedosten und die andere vom Norden des Landes. Die Parteimitglieder unterscheiden sich oft in hauptsaechlich durch den Geburtsort der Mitglieder, und die Stammeszugehoerigkeit. Ich finde es immer wieder erheiternd, nach dem Unterschied zwischen rot und gruen zu fragen, und beide Parteien ruehmen sich darauf als “die weniger korrupte”. Sonst gibt es kaum Unterschiede. Fuer diese Wahlen hat sich eine neue Partei gegruended, unter einem eloquenten, charismatischen und erfahrenen Praesidentschafskandidaten, der die Diskussionen etwas mehr Richtung “Was ist wirklich noetig in diesem Land um die Entwicklung voran zu treiben und wer hat die besten Ideen dazu?”. Das erste Mal in Sierra Leone’s Geschichte gab es eine landesweit ausgestrahlte und uebertragene Debatte mit den sechs Hauptkandidaten fuers Praesidialamt. Ich verbrachte einen auesserst emotionalen und leidenschaftlichen Abend damit, den verschiedenen Kandidaten zuzuhoeren (und zuzuschreien, in gewissen Situationen). Ein Kandidat hat versprochen, das Gesundheitssystem innerhalb drei Wochen komplett zu revolutionieren – klingt nach einer Aufgabe fuer Superman und Wonderwoman.
Es gab aber auch einen echten “Huehnerhaut”-Moment, als der selbe eloquente, charismatische und erfahrene Kandidat seine Schlussrede hielt.
Fuer Leser, die Englisch (und Krio) koennen, hier kann man sich die Rede anschauen:
Foto: Mein Wohnzimmer, kurz bevor die Debatte startete! Der grosse Fernseher gehoert uebrigens Elias, falls ihr euch wundert…
Das Amt als Praesidenten von Sierra Leone lohnt sich – neben dem omnipraesenten Einfluss des Praesidenten, verdient er auf legale und weniger legale Weise jaehrlich mehrer Millionen Dollars. Das erklaert auch, wieso mit allen Mitteln um das Amt gekaempft wird. Es passiert oft, dass Leute bezahlt werden und mit einem Parteien-Tshirt bekleidet auf die Strasse los gesendet werden, um Werbung zu machen. Die Anzahl Leute, die an den verschiedenen Strassenmaersche teilnehmen, ist ein guter Indikator dafuer, wie reich eine Partei ist.  Vor zwei Wochen war der wohl groesste Umzug – hier sind einige Eindruecke von meinem Balkon:

​Foto: die APC Partei war auf der Strasse heute. 
Wie auch immer – ich bin sicher, ihr wollt etwas ueber die Geschichte mit dem Praesident und dem Tisch und meinen Haaren erfahre. Einen Tag nach der Debatte ging ich zum gleichem Konferenzzentrum, um an der offiziellen Lancierung der Nationalen Krankenkasse von Sierra Leone teilzunehmen. Ihr magt euch wahrscheinlich erinnern – ich habe viel Zeit in meinen ersten zwei Jahren mit der Entwicklung der Krankenkasse verbracht, aber dann kam Ebola und andere Leute uebernahmen die Ausarbeitung der Details. Nun wollte der Praesident die soziale Krankenversicherung launcieren bevor seine Amtszeit fertig ist, und das Projekt als sein Erbe hinterlassen. Es waren etwa 500 Leute eingeladen ins Konferenzzentrum, mit einer grossen Buehne und einem Ehrentisch, inklusive rotem Samtstuhl fuer den Praesidenten in der Mitte..
Foto: das Bintumani Konferenzzentrum mit Ehrentisch, bereit fuer die Lancierung der nationalen Krankenversicherung. 
​Kurze Erklaerung: Jeder Anlass in Sierra Leone, sei es Workshops, Ausbildungstage, Geburtstage, Preisverleihungen, oder was auch sonst im Leben wichtig ist, hat einen Ehrentisch, an dem hochstehende Gaeste Platz nehmen, und das Programm mit Reden eroeffnen. Diese Ehrentische und Eroeffnungszeremonien koennen gut und gerne den grossen Teil des Programmes ausmachen. Ohne diese Zeremonie wird ein Program als nicht offiziell genug, oder nicht mit der passenden Wichtigkeit empfunden. Die Ehrentische und Zeremonien muessen sein.

Ich sass also im Konferenzzentrum ganz hinten, und genoss das Beobachten der Gaeste. Alle 144 Chiefs waren da in praechtigen Gewaendern, und ich dachte gerne daran zurueck, dass vor 12 Stunden alle Praesidentschafskandidaten im gleichen Raum waren. Das Program beginnt und die Minister (Bundesrat) werden an den Ehrentisch gerufen, da hoere ich auf einmal meinen Namen – “Naomi” und einen Finger, der auf mich zeigt, sowie mehrere hundert Personen, die sich nach mir umdrehen. Eine Reihe von verschiedenen Umstaenden fuehrte dazu, dass ich aufgefordert wurde, am Ehrentisch teilzunehmen und eine Rede zu halten, im Namen der Entwicklungspartner. Schockiert und leicht ueberfordert gehe ich auf die Buehne und denke fieberisch daran, was wohl die Benimmregeln sind, wenn man den Praesidenten eines Landes trifft. Und was sagt man an einem Anlass, wenn man die Idee der Krankenkasse unausgereift findet und schlecht umgesetzt? Kann man das sagen, ohne den Praesidenten zu beleidigen (ich hab es nicht gesagt, keine Angst…). Ich hatte also vier Stunden lange Zeit um zu bedauern, dass ich am Morgen meine Haare nicht gewaschen habe, und auf meine Haltung zu achten, vor den Fernsehkameras. Darf man lachen, wenn sich die Ministers ueber die anderen Parteien lustig machen? Soll ich vortaeuschen, ich mache mir Notizen, wenn alle fuer den Praesidenten applaudieren und ich aber nicht mag, was er gesagt hat? Ihr seht – so unter Beobachtung hat jede Gestik auf einmal viel mehr Bedeutung. Ich habe mich dann freundlich geweigert, eine Rede zu halten, aber hatte die Moeglichkeit, dem Praesidenten spaeter zu sagen “Gratulatiere zu einer mutigen Initiative” – und dann brauchte ich wirklich ein Glas Wein.

​Foto: Stehend den Praesidenten begruessen, der sich in der Mitte gerade hinsetzt – ich bin die blasse Frau ganz links aussen. 
Ich glaube, ich habe genug erzaehlt fuer heute, und wir lassen Geschichten a) und c) fuer ein anderes Update…
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